Deine sichere und selbstbestimmte Geburt: Diese Rechte haben Frauen und das solltest du alles zur Geburt wissen | SOCIAL MOMS

Für eine bessere und sichere Geburtshilfe

Frauen haben während Schwangerschaft und Geburt zahlreiche Rechte, die es wichtig ist zu kennen

Ein Kind zu gebären, ist eine der prägendsten Erfahrungen im Leben einer Frau und ihrer Familie. Jede Frau wünscht für sich und ihr Kind eine gute und sichere Geburt; eine, aus der beide gesund und gestärkt hervorgehen. 

Stattdessen berichten Mütter immer häufiger von schwierigen Geburten ihrer Kinder, von körperlichen und seelischen Verletzungen durch Stress, Angst, Gewalt und Respektlosigkeit ihnen gegenüber. Von weiten Wegen zur nächsten Geburtsstation, Abweisungen vor der Kreißsaaltür oder Alleingelassen werden im Gebärzimmer. Von fehlender Selbstbestimmung.


Wieso kann es zu all dem kommen, was Frauen während der Geburt erleben? Und gibt es eine Möglichkeit sich zu schützen? Die Antwort ist nicht einfach. Ein wesentlicher Grund liegt aber im Spannungsfeld zwischen der Einzigartigkeit jeder Geburt und dem System der geburtshilflichen Versorgung. Mother Hood e.V. setzt sich für eine bessere und sichere Geburt ein und klärt hier über die Rechte der Frauen, die gebären, auf.

Keine Geburt ist wie die andere!

Das klingt so banal und dennoch ist es unumgänglich, immer wieder darauf hinzuweisen. Denn diese Feststellung ist entscheidend für die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Geburt sicher ist und zu einer stärkenden Erfahrung werden kann. 


Frauen empfinden sehr unterschiedlich, was ihnen während der Geburt Sicherheit gibt. Die einen brauchen ihre eigenen vier Wände, andere können sich nur im buchstäblichen Sinne öffnen, wenn die gesamte Hightech-Geburtsmedizin jederzeit sofort verfügbar ist. Manche wünschen sich von der Hebamme angeleitet zu werden, andere möchten sich am liebsten verkriechen und in Ruhe gelassen werden.

Was tut mir gut und ist mir wichtig?

Um zu wissen, was eine Frau während der Geburt braucht, ist die Auseinandersetzung mit allen Möglichkeiten, den eigenen Bedürfnissen und Rechten rund um die Geburt sinnvoll. 


Was tut mir gut und ist mir wichtig? Was erwarte ich? Welche medizinische Eingriffe gibt es und will ich die überhaupt? Diese Punkte müssen nicht unbedingt akribisch genau auf einem Geburtsplan notiert in den Kreißsaal mitgenommen werden. Aber es hilft, sich darüber Gedanken zu machen, Wünsche auch aufzuschreiben und mit dem Partner zu besprechen.

„Wichtig ist, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben und zu verinnerlichen, dass Frauen alle Ressourcen für eine Geburt bereits in sich tragen."

Gemeinsam mit ihrem Kind entwickelt die Mutter bereits in der Schwangerschaft und während der Geburt ein fein abgestimmtes System von Botenstoffen und Abläufen. Dieses System braucht vor allem einen sicheren Rahmen, um nicht aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Die Bedingungen für diesen sicheren Rahmen sind erstmal gut:

Frauen haben während Schwangerschaft und Geburt zahlreiche Rechte. Es ist sehr hilfreich sie zu kennen. Sie stärken, geben Sicherheit und tragen dazu bei, selbstbestimmt handeln und entscheiden zu können: 

Schwangerschaftsvorsorge

Dass Schwangere regelmäßig zur Schwangerschaftsvorsorge gehen (können), ist den meisten bekannt. Was viele nicht kennen, sind die unterschiedlichen Möglichkeiten. 

  • Die bekannteste Variante der Schwangerschaftsvorsorge ist die monatliche Vorsorge bei ihrem*r Gynäkolog*in. In der Facharztpraxis wird außerdem in jedem Quartal zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Die Untersuchungsabstände werden in den Wochen vor der Geburt kürzer.
  • Eine weitere Möglichkeit ist das Wechselmodell, bei dem die Schwangere abwechselnd (zu gleichen oder ungleichen Teilen) Hebamme und Gynäkolog*in aufsucht . Manche Praxen bieten diese Art der Vorsorge von sich aus an, oft muss sie aber selbst von der Frau organisiert werden. 
  • Nicht ganz so häufig, aber dennoch möglich, ist die ausschließlich Begleitung durch eine Hebamme.


Viele Frauen schätzen es, bereits in der Schwangerschaft von einer Hebamme begleitet zu werden. Sie nimmt sich in der Regel viel Zeit für die Untersuchung, Beratung und Stärkung der individuellen Ressourcen. Außerdem kennt sie oft gute Tricks gegen diverse Schwangerschaftsbeschwerden. Ultraschalluntersuchungen kann eine Hebamme allerdings nicht durchführen.


Idealerweise lässt sich die gleiche Hebamme auch für die Wochenbettbetreuung engagieren, so dass über die Monate ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann.


Wichtig ist zu wissen, dass jede Schwangere ein Recht auf Hebammenbetreuung hat und die Krankenkassen diese Leistungen übernehmen.


In der Theorie ist die freie Wahl der Schwangerschaftsvorsorge ganz wunderbar. In der Praxis gibt es aber zu wenige Hebammen, die Vorsorgeuntersuchungen anbieten. Außerdem sind manche Gynäkolog*innen nicht bereit, die Schwangeren nur alle zwei Monate oder gar noch seltener zu sehen. Als Grund dafür werden Abrechnungsprobleme und haftungsrechtliche Risiken genannt. 


Verweigert ein*e Gynäkolog*in die wechselseitige Vorsorge mit der Hebamme, haben Schwangere leider nicht viele Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen. Die Hebamme könnte mit dem*r Gynäkolog*in das Gespräch suchen, um doch noch eine gemeinsame Vorsorge zu ermöglichen. Es kann auch helfen, gegenüber dem*r Gynäkolog*in den dringenden Wunsch nach gemeinsamer Vorsorge zu erklären. Wenn das alles nichts hilft, bleibt nur noch der Wechsel der gynäkologische Praxis. Jedoch ist es in vielen Regionen nicht leicht, eine andere Praxis zu finden und ein Wechsel ist meist nur zum neuen Quartal möglich.

Aufklärung und Einwilligung

Ohne Einwilligung keine medizinische Maßnahme.

Das ist das aller, aller, allerwichtigste Recht! 

Keine Hebamme oder Gynäkolog*in darf eine Gebärende oder Schwangere ohne ihre Einwilligung behandeln (Patientenrechtegesetz, § 630 d BGB). Umgekehrt bedeutet das: Frau darf Untersuchungen und Eingriffe ablehnen, auch wenn es sich um Routinemaßnahmen wie ein Cardio-Tokogramm (CTG) ab der 24. Schwangerschaftswoche oder vaginale Untersuchungen handelt. 

„Ein Eingriff ohne Einwilligung ist Körperverletzung."

Ohne Aufklärung keine Einwilligung. 

Vor der Einwilligung und somit vor jeder medizinischen Behandlung, müssen Ärzt*innen und Hebammen verständlich aufklären. Dazu sind sie laut Patientenrechtegesetz verpflichtet (§ 630 e BGB). Es gibt nur wenige echte Notfälle, in denen tatsächlich keine Zeit für Erklärungen bleibt.


In der Praxis wird häufig nicht gut und verständlich aufgeklärt, insbesondere während der Geburt. Als Grund wird oft Zeitnot angegeben.


Frauen, die zu medizinischen Eingriffen gedrängt, mangelhaft oder überhaupt nicht aufgeklärt werden, haben die Möglichkeit, im Nachgang Klage einzureichen. In der Praxis ist die Beweislage allerdings oft kompliziert.


Damit sich Frauen selbstbestimmt für oder gegen eine medizinische Maßnahme entscheiden können, sollten bestimmte Fragen beantwortet sein. Für das aufklärende Gespräch mit Hebamme oder Gynäkolog*in ist die Frage-Methode “VRANNI” sehr hilfreich:


V wie Vorteile: Welche Vorteile hat die Maßnahme?

R wie Risiken: Welche Risiken und mögliche Folgen gibt es? 

A wie Alternativen: Welche Alternativen gibt es?

N wie Nichtstun: Was kann passieren, wenn wir nichts tun?

N wie Notfall: Handelt es sich um einen Notfall?

I wie Intuition: Was sagt mein Bauchgefühl?

Freie Wahl des Geburtsortes

Tatsächlich steht jeder Schwangeren das Recht zu, den Geburtsort ihres Kindes frei zu wählen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Geburten zu Hause, im Geburtshaus und in einer Klinik. Aber Achtung: Die an die Hebamme bzw. ein Geburtshaus zu zahlende Rufbereitschafts - und Betriebskostenpauschale wird nicht oder nur teilweise von den Krankenkassen erstattet. Unbedingt bei der Kasse nachfragen!


Schwangere haben die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Kliniktypen. Neben kleineren Häusern mit weniger Geburten, gibt es große Zentren mit Kinderklinik und Frühchenstation. Einige wenige Geburtsstationen bieten zudem ausschließlich von Hebammen betreute Geburten an. Manche haben viel Erfahrung mit natürlichen Geburten bei Beckenendlage oder Zwillingen. Im Übrigen gibt es keinen Hinweis darauf, dass eine Klinik mit wenigen Geburten grundsätzlich weniger sicher ist, als eine große Geburtsstation.


Bei der Wahl des richtigen Geburtsortes sollte für die Schwangere unbedingt im Zentrum stehen, wo sie sich am wohlsten und sichersten fühlt. Kreißsaalbesichtigungen sind eine gute Möglichkeit, das herauszufinden. Dabei lässt sich auch direkt das Personal mit Fragen löchern und die Räumlichkeiten kennen lernen.


Faktisch ist die freie Wahl des Geburtsortes in Deutschland aber vielerorts nicht gegeben. Der Grund: immer weniger, dafür überlastete Geburtsstationen und zu wenig Hebammen, die Geburten zu Hause oder im Geburtshaus anbieten. Daher ist ganz besonders wichtig, sofort nach Bekanntwerden der Schwangerschaft die Hebamme zu kontaktieren. Das gilt auch für die echten Eins-zu-Eins-Beleghebammen, die die Frauen bereits in der Schwangerschaft betreuen und zur Geburt in die Klinik mitgehen.


Für die Wunschklinik gilt: Für den Fall, dass zu Beginn der Geburt der Kreißsaal bereits voll ist, sollte im vorhinein nach einer alternativen Klinik gesucht werden. 

Hebammenbegleitung während Geburt und Wochenbett

Eine kontinuierliche Begleitung während der gesamten Geburt durch eine bereits aus der Schwangerschaft bekannte Hebamme ist optimal, in Deutschland aber nur in der außerklinischen Geburtshilfe und in Kliniken mit Begleit-Beleghebammen garantiert. Eine Begleit-Beleghebamme begleitet, wie der Name schon sagt, die Schwangere in den Kreißsaal und ist während der gesamten Geburt an ihrer Seite. 

Abgesehen davon gibt es unterschiedliche Betreuungsmodelle und Standards nach denen die Kliniken arbeiten, beispielsweise den Hebammenkreißsaal oder den Expertinnenstandard “Förderung der physiologischen Geburt”. Hier lohnt es sich, im Vorfeld Informationen über die in Frage kommenden Kliniken einzuholen und auch explizit danach zu fragen, wie der Betreuungsschlüssel aussieht und ob eine Eins-zu-Eins-Betreuung während der gesamten Geburt angeboten wird. 

Auch nach der Stillförderung auf der Wochenbettstation kann man gut schon bei einer Kreißsaalbesichtigung fragen. 


Nach der Geburt (bzw. Entlassung aus der Klinik) kommt die Hebamme für die Wochenbettbetreuung zur Familie nach Hause, am Anfang nach Wunsch sogar täglich. Sie schaut bei der Mutter beispielsweise, wie die Heilung von Geburtsverletzungen oder der Kaiserschnittnarbe vorangeht und berät bei Stillproblemen. Für viele Mütter ist sie auch eine vertraute Expertin, die innerliche Ruhe in die turbulente Zeit mit einem Neugeborenen bringt. Beim Baby überprüft die Hebamme das Wachstum, ob sich eine Gelbsucht entwickelt oder wie der Nabel verheilt.


Auch die Kosten für die Hebammenbegleitung im Wochenbett übernimmt die Krankenkasse. Der zeitliche Umfang reicht bis zum Ende der Stillzeit, wenn Bedarf besteht.

Allerdings muss sich jede Frau selbst um eine Hebamme kümmern. 

Wegen des vielerorts herrschenden Hebammenmangels ist es sehr wichtig, sich wirklich frühzeitig über das für sich passende Betreuungsmodell Gedanken zu machen und in Frage kommende Hebammen anzurufen! Aufgrund des Hebammenmangels sind viele Hebammen bereits sehr früh ausgebucht. 

Tipps für die Hebammensuche

Geburtskliniken geben Listen mit Hebammen heraus, die es lohnt abzutelefonieren. In vielen Städten gibt es mittlerweile sogenannte Hebammenzentralen, die bei der Suche nach einer Hebamme helfen. Auch über regionale Facebook-Gruppen oder eine Anfrage bei einem Online-Dienstleister kann erfolgreich sein. Nicht zuletzt bieten die Krankenkassen eine Online-Suche an, ebenso der Hebammenverband.


Blieb die Hebammensuche bis zur Geburt erfolglos, ist die letzte Rettung eine Hebammensprechstunde. Sie bieten mehrmals in der Woche und nach Anmeldung die Möglichkeit, eine Hebamme aufzusuchen. Manche wurden von den örtlichen Ämtern eingerichtet, andere befinden sich in Arztpraxen, wieder andere sind an Kliniken angebunden. Empfehlenswert ist, sich schon in der Schwangerschaft über diese Anlaufstellen zu informieren.

Mother Hood - eine starke, engagierte und schützende Gemeinschaft

“Auf dem Papier” gibt es in Deutschland ein großes Angebot an geburtshilflichen Leistungen, die die Grundlage für eine sichere und selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt legen. In der Realität sieht das leider oft anders aus.

„Die Einzigartigkeit jeder Schwangerschaft und Geburt wird in unserem “System Geburtshilfe” nicht ausreichend berücksichtigt."

Die finanziellen Zwänge der Kliniken, der Personal- und sich daraus ergebende Zeitmangel, die Überlastung der Betreuungspersonen und auch die Angst vor Klagen führen dazu, dass nicht jede Frau so versorgt wird, wie es sein sollte. 


Die Zustände haben bereits vor mehr als fünf Jahren Eltern veranlasst, sich zu wehren und eine bessere Geburtshilfe zu fordern. Aus der rasant gewachsenen, deutschlandweiten Protestbewegung heraus, haben Eltern im März 2015 den Verein Mother Hood gegründet. Der Verein setzt sich für sichere Geburten und die Rechte von Familien ein. Ziel ist eine bessere Geburtshilfe.


Mother Hood steht für eine starke, engagierte und schützende Gemeinschaft! Deutschlandweit vertreten Aktive des Vereins die Interessen von Schwangeren und ihren Familien gegenüber Hebammen, Ärzt*innen, der Politik und Wissenschaft. Sie organisieren Veranstaltungen, halten Vorträge, sprechen mit Politiker*innen und der Presse, informieren an Info-Ständen, an Runden Tischen und in den sozialen Medien. Im konstruktiven Austausch bringen sie ihre Erfahrungen, Forderungen und Lösungen in die Debatte um eine bessere Geburtshilfe ein.


Nicht zuletzt die Corona-Pandemie und damit verbundene Beschneidung von Rechten rund um die Geburt haben gezeigt, dass Mother Hood Familien in einer schwierigen Zeit zuverlässig Orientierung bietet: mit einem starken Netzwerk und wissenschaftlich fundierten Informationen zu Schwangerschaft, Geburt und dem ersten Lebensjahr des Kindes.


Der Verein freut sich aktuell über rund 1200 Mitglieder, 40 Regionalgruppen und 100 Aktive. Wer ebenfalls Teil dieser Gemeinschaft sein möchte, findet auf www.mother-hood.de weitere Informationen.


Wenn du eine schwierige Geburt erlebt hast und nicht weiter weisst

Sprich mit vertrauten Menschen. Suche das Gespräch mit deiner Hebamme oder der Geburtsklinik, um offene Fragen zu klären. Wenn dir dafür die Kraft fehlt, kannst du auch erstmal für dich aufschreiben, was passiert ist und was dich belastet.


Es gibt Vereine und Gruppen, die sich diesem Thema verschrieben haben. Du findest sie über das Internet, z.B. bei facebook oder unter  www.traumageburtev.de.


Möchtest du anonym mit einer erfahrenen Beraterin über deine schwierige Geburt sprechen, gibt es das Hilfetelefon nach schwieriger Geburt. Es ist erreichbar unter der Rufnummer 0228 92959970. Beratungszeiten sind mittwochs von 12 Uhr bis 14 Uhr und donnerstags von 19 Uhr bis 21 Uhr. hilfetelefon-schwierige-geburt.de 


Das Hilfetelefon nach schwieriger Geburt ist von Mother Hood gemeinsam mit der ISPPM initiiert worden.



Photo by Sharon McCutcheon via Unsplash

Autor*in

Lydia Abdallah – ÄRZTIN UND INTERESSENSVETRETERIN

Baden-Württemberg

Lydia ist Mutter von vier wunderbaren Kindern und lebt mit ihrer Familie in einem Dorf an der Würm. Seit 2014 setzt sie sich aktiv dafür ein, dass Frauen gut begleitet und selbstbestimmt ihre Kinder auf die Welt bringen können. Sie vertritt die Interessen der Eltern im Namen von Mother Hood in diversen Gremien und wird nach ihrer Elternzeit wieder als Ärztin arbeiten.

mother-hood.de

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