Plötzlich alleinerziehend. Na und! | SOCIAL MOMS

Plötzlich alleinerziehend. Na und!

Wie eine Katastrophe so viel mehr als nur Trübsal blasen sein kann. Nämlich der Beginn einer wunderbaren Reise.

Hilfe Finanzen Alleinerziehend

Silke Wildner ist seit vier Jahren alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Ein Stempel, den sie ziemlich plötzlich und vor allem ungefragt bekam. Statt in Selbstmitleid zu versinken, nimmt sie die Herausforderung an und dreht ihr Leben selbstbestimmt in genau die Richtung, in die sie gehen will – nämlich der Sonne entgegen. Sie nimmt alle SOCIAL MOMS, ob getrennt oder glücklich verpartnert, mit auf ihren Weg und verrät, wie jede Frau es zu mehr persönlicher und finanzieller Selbstbestimmung schafft.

 

Mein Mann hat mich 14 Tage nach der Geburt unseres 2. Kindes verlassen und mich von heute auf morgen zu einer Alleinerziehenden gemacht – ganz gegen meinen Willen. Aber bevor du mir in Gedanken jetzt ein Taschentuch reichst und die gängigen Floskeln zum Thema Alleinerziehende hervorholst, möchte ich dich mitnehmen auf eine wunderbare Reise. Denn mein Leben hat durch die Trennung eine sehr spannende und positive  Kehrtwende genommen. Heute geht es mir viel besser als noch zu Ehezeiten. Ich kann sogar sagen, dass ich endlich bei mir selbst angekommen bin und meine persönlichen Wünsche und Bedürfnisse kenne und lebe. Ich habe die Freiheit mein Leben so zu gestalten, wie ich das für richtig halte – ohne Kompromisse und ellenlange Diskussionen.

Worum geht es uns eigentlich im Leben?

Es ist doch so: Seit der Pubertät geht es doch ständig um Liebe und Partnerschaft. Wir sind so sehr auf der Suche nach dem Richtigen, dass wir uns selbst darüber vergessen. Wir verlernen, uns Dinge zuzutrauen und hoffen auf die stete Hilfe einer „besseren Hälfte“. Wir wissen nicht mehr, was wir selbst alles können. Wir glauben, dass wir mangelhaft sind und dringend jemanden an unserer Seite brauchen. So kommt es, dass wir in unguten Beziehungen verharren – auch wenn diese toxisch sind oder uns Gewalt angetan wird. Wir haben viel größere Angst vor dem Alleinsein – Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. So vergeht die Zeit und die Chance auf ein selbstbestimmtes, gutes Leben rückt in weite Ferne. 

Eine Lebenskrise wird zur Lebenschance

Alleinerziehend sein und ein gutes, glückliches Leben führen, das scheint für viele ein Widerspruch in sich zu sein. Denn Alleinsein wird gerne mit Einsamkeit verwechselt. Und Frauen wird der Mangel unterstellt, nicht finanziell für sich sorgen zu können.  


Ja, ich gebe zu, vor vier Jahren habe ich genauso gedacht. Denn plötzlich war ich ganz allein mit einem 3-Jährigen und meiner neugeborenen Tochter auf dem Arm. Es war so schmerzhaft und ich fühlte mich nutzlos, aussortiert und weggeworfen. Schnell einen neuen Partner finden – das waren tatsächlich meine ersten Gedanken. Alleine schaffe ich das nicht. Doch wie sollte ich den finden, hatte ich doch keine freie Minute für mich. Und so erschütternd diese Trennung für mich war, sie war der Startschuss in ein besseres Leben. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst zu versuchen. Schritt für Schritt begann ich, mir wieder zu vertrauen, Entscheidungen zu treffen und dabei achtsam mit den eigenen Kräften umzugehen. Ich konnte alles auf den Prüfstand stellen und die besten Lösungen für mich finden. Diese einzigartige Chance der Neuorientierung kommt mit einer Lebenskrise frei Haus. 


Seit der Trennung geht es mir übrigens auch finanziell besser. Denn mein Mann war es, der nicht mit Geld umgehen konnte und mein Geld einfach mit aus dem Fenster warf. Ja, man kann alleinerziehend gut leben und Spaß haben. Es wird gelacht, geliebt, getröstet und gesungen. Ich bin verantwortlich für mich, aber auch für meine Kinder. Und wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut. Ich fühle mich auch nicht einsam, denn ich habe gelernt gut für mich zu sorgen und wieder Freude in mein Leben zu lassen.

Frauen und Geld – das passt gut zusammen

Frauen können übrigens hervorragend mit Geld umgehen. Leider steht ihnen dank Gender Pay Gap und der schlechten Bezahlung in typischen Frauenberufen einfach weniger Geld zur Verfügung. Wir haben noch nicht gelernt, was unsere Arbeit wert ist und trauen uns zu selten, Forderungen zu stellen.

Frauen und Geld – das sollte eigentlich eine Liebesgeschichte sein. Wir gehen viel intuitiver mit Geld um und haben das große Ganze im Blick. Wir haben ein gutes Gefühl dafür, was Dinge oder Leistungen wert sein dürfen. Aber unseren eigenen Wert, der dank Geld ja mit allem „Kaufbaren“ in Relation gesetzt wird, stellen wir gerne unter den Scheffel.


Und ist das erste Kind erst unterwegs, kippt die Liebesgeschichte und es wird für sehr viele Frauen ein finanzielles Drama daraus. An dieser Stelle nehme ich gedanklich ein Taschentuch zur Hand. Denn in Deutschland ist es immer noch ein häufig anzutreffendes Bild, dass der Mann weiterhin Vollzeit arbeitet und die Frau beruflich zurücksteckt. 

Gerade letzte Woche beim Straßenfest stand das deutsche Paradebeispiel wieder vor mir: Er arbeitet Vollzeit als Ingenieur, sie arbeitet stundenweise als Aushilfe und ist eigentlich gut ausgebildete Fachärztin. Ihre drei Kinder stehen bei ihr an erster Stelle. Schon klar. Schade nur, dass sie es nicht selbst ist. Denn mit dieser Arbeitsaufteilung begeben sich Frauen in die finanzielle Abhängigkeit. Ihr eigenes (finanzielles) gutes Leben wird abhängig vom Gelingen der Partnerschaft. Während der Mann einfach weiter arbeitet und sich seine Rente sichert, muss die Frau bangen, dass die Beziehung hält. Aber was, wenn in ein paar Jahren die Trennung ins Haus steht? Wovon wird sie ihr zukünftiges Leben bestreiten können? Wie schafft sie nach Jahren des Pausierens den Wiedereinstieg in den gutbezahlten Job?


Ich kenne das Hintenanstellen des eigenen Berufs nur zu gut aus den Anfängen meiner Ehe. Einer muss sich ja ums Kind kümmern, das ist schon klar. Aber so ganz selbstgewählt ist die Entscheidung nicht. Denn der Gesetzgeber hilft durch die staatliche Subvention der Alleinverdiener-Ehe durch das Ehegattensplitting kräftig mit. Es rechnet sich plötzlich für ein Paar, wenn einer nun wenig oder gar nichts mehr verdient. Diese Finanzierbarkeit der Familie setzt für Frauen das falsche Zeichen! Die eigene Erwerbsarbeit scheint nicht viel wert zu sein, denn es geht ja auch prima ohne!


Und so dümpelt das eigene Geldverdienen vor sich hin. Die Jahre verstreichen und die Zeit bis zur Rente wird immer kürzer. Irgendwann lässt sich die Rentenlücke nicht mehr stopfen. Laut Hochrechnungen werden 75 Prozent der heute 35- bis 50-jährigen Frauen in der Altersarmut landen (Quelle: Süddeutsche). Von einem Happy End ist hier weit und breit nichts zu sehen. 

Mein gutes Leben als Alleinerziehende

Aber diese Sorgen bin ich los. Ich muss keine Angst mehr um meine Ehe haben. Ich bin berufstätig und genieße es sehr als Ausgleich zum Familienleben. Ich bin stolz mein eigenes Geld zu verdienen und damit die Familie zu finanzieren. Denn wir Frauen vergessen beim Ausscheiden aus dem Berufsleben auch oft die Tatsache, dass ein Beruf Anerkennung und Wertschätzung mit sich bringt, die wir so aus dem reinen Familienleben nicht ziehen können. Rückblickend kann ich sogar froh sein, dass mich die Trennung so früh erwischt hat. Denn so bin ich nicht für Jahre aus meinem Beruf ausgestiegen und muss daher keinen Neuanfang bewerkstelligen. Ich blicke dadurch nicht in eine ungewisse finanzielle Zukunft, wenn meine Kinder groß sind. 


Auch um meine Altersvorsorge habe ich mich letztes Jahr in aller Ruhe gekümmert. Ich habe meinen Mut zusammengenommen und mir die nackten Zahlen angesehen. So viel sei gesagt: Wer sich auf die staatliche Rente verlässt, der ist verlassen. Das gilt besonders für Frauen mit geringem Einkommen oder langen Berufspausen.

Ich habe jetzt eine private Altersvorsorge und sehe im Alter rosigen Zeiten entgegen.  Wieder hat sich für mich bewiesen, dass hinter der Angst die persönliche Freiheit liegt. Ich habe das Problem für mich erkannt, bin es angegangen und habe eine Lösung gefunden, die zu mir passt. Und nicht meinem Mann passt. Ich schiebe das Problem nicht mehr vor mir her, bis ich zu alt bin, etwas zu ändern. Nein, ich will nicht in der Altersarmut landen und strebe Altersreichtum an. Denn das geht – auch für Alleinerziehende und auch ohne Vollzeitjob. 

Gute Vorbilder für Alleinerziehende gesucht

Ich gebe zu, dass es wenige positive Vorbilder für Alleinerziehende gibt. Befragt man die Medien, dann findet man ellenlange Berichte über Alleinerziehende und ihre katastrophalen Lebenszustände. Ich habe fast den Eindruck, die Medien aalen sich in der Armut und den Ängsten Alleinerziehender. Nach dem Motto: „Seht her, so geht es dir als Alleinerziehende/m. Besser du bist in einer Beziehung. Denn zusammen ist alles einfacher.“ Im Ernst?

Nein. So ist es nicht. Rückblickend empfinde ich die Ehe sogar eher als ein Quell vieler Probleme, die ich heute nicht mehr habe. Daher kannst du das medial geprägte „klassische“ Bild einer Alleinerziehenden getrost ignorieren. Ich bin eine Alleinerziehende, aber ich leide keine finanzielle Not, lebe nicht von Hartz 4, sehe mich nicht als Opfer und fühle mich auch nicht einsam.


Und ich bin kein Einzelfall. Einer Studie zufolge sind 49 Prozent aller Alleinerziehenden mit ihrer gegenwärtigen Lebenssituation zufrieden. 49 Prozent! Das ist fast die Hälfte aller Alleinerziehenden. Diese Zahl macht doch Mut! (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (2012): Monitor Familienforschung - Ausgabe 28: Alleinerziehende in Deutschland – Lebenssituationen und Lebenswirklichkeiten von Müttern und Kindern)

Aus diesem Grund habe ich letztes Jahr meinen Blog gut-alleinerziehend.de als mediales Kontrastprogramm gestartet. Gut alleinerziehend – ja, das geht! Das finden mittlerweile auch über 1200 Frauen in meiner Facebookgruppe “Gut alleinerziehend”. Gut alleinerziehend bedeutet für mich den eigenen Weg herauszufinden und zu gehen – fernab gängiger Meinungen oder Vorurteile. Alles geht – wie geht es auch für dich? Mehr darüber findest du in meinem Buch „Gut leben als Alleinerziehende – Schritt für Schritt Anleitung in ein selbstbestimmtes und gutes Leben”, das seit August im Handel erhältlich ist.


Photo by Xavier Mouton Photograp

Autorin

Silke Wildner - AUTORIN

Bad Nauheim

Silke ist Art Director, Bloggerin und Autorin und seit Ende 2014 alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Ihr Mann trennte sich genau 14 Tage nach der Geburt des zweiten Kindes. Aus einer erschütternden Erfahrung wurde der Beginn eines neuen Lebens. Trotz der widrigen Umstände von damals ist sie heute glücklich. Denn das geht – allen Medienberichten und Fernsehreportagen über Alleinerziehende zum Trotz.

www.gut-alleinerziehend.de

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  • Danke für den Beitrag, ein positives Beispiel: #Alleinerziehende treffen sich jeden letzten Samstag im Monat an der Weltzeituhr, am Alex in Berlin um 17.00 Uhr zum diskutieren. "Wir feiern uns selbst, weil uns niemand feiert!" ist unser Motto.
    • Wendula Strube Der letzte Samstag ist der 30.11.2019, 17.00. Uhr am Alex an der Weltzeituhr! #IT_AE und #IDoSP
  • Der letzte Samstag ist der 30.11.2019, 17.00. Uhr am Alex an der Weltzeituhr! #IT_AE und #IDoSP

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