Wie schaffen wir Homeoffice mit Kids in Zeiten von Corona? | SOCIAL MOMS

Elternsein in Zeiten von Corona

Ein Erfahrungsbericht aus Tel Aviv, wo Home-Office und Home-Schooling bereits an der Tagesordnung stehen

Der absolute Ausnahmezustand! Die aktuelle Situation auf der Welt lässt sich nicht mit anderen Worten beschreiben. Wer hätte sich vor zwei Monaten vorstellen können wie wir derzeit leben? „Stay at Home“ und „Social Distancing“ heissen die Schlagworte der Stunde und sind die alltägliche Devise. Und - das gilt fast all-around-the-world. Autorin Katharina Höftmann Ciobotaru lebt mit ihrer Familie in Tel Aviv. Hier sind bereits Kitas und Schulen geschlossen und sie mussten schon vor einiger Zeit „umdisponieren“. Wie das so aussieht, was die Vor- und Nachteile sind und wie es der Familie damit geht, erzählt sie uns.

Social Distancing

In meinem Instagram-Feed gibt es nur noch ein Thema: Social Distancing. 

Egal, ob in New York, Berlin, Mailand oder Tel Aviv – die ganze Welt scheint sich in Quarantäne begeben zu haben. Und gut so, denn mittlerweile sollte auch der letzte Hedonist kapiert haben, dass wir die Corona-Krise nur dann bewältigen können, wenn wir die hohe Ansteckungsrate stoppen. Die Leute posten sich also gerade einen Wolf darüber, wie schwer es ist, die ganze Zeit alleine zu Hause zu sein. Welche Filme man gucken, welche Bücher man lesen kann. Ich sehe das alles natürlich nur mit einem halben Auge, denn „social distancing“ bedeutet für mich, dass jetzt zwei kleine Menschen non-stop an mir kleben. Es sind immerhin meine zwei kleinen Menschen, die beiden Kinder, die ich auf die Welt gebracht habe, weil ich sie auf die Welt bringen wollte – aber trotzdem. 

Seitdem bei uns in Tel Aviv alle Kitas geschlossen haben, alle Cafés, alle Museen, seitdem wir angehalten sind, nur noch das Haus zu verlassen, wenn unbedingt nötig und Kontakt mit anderen Menschen zu meiden, sind meine Kinder quasi wieder Teil meines Körpers. Nur dass sie jetzt nicht mehr in meinem Bauch still und leise vor sich hinwachsen, sondern laut krakeelend um mich herumspringen. Die GANZE ZEIT. 

Liebe mit Grenzerfahrung

Ich liebe meine Kinder. Aber ich liebe auch den Moment, an dem ich sie morgens in der Kita abgebe, wo ich sie in sehr guten Händen weiß, um mich dann an meine Arbeit zu machen. Eine Arbeit, die ich nicht machen kann, wenn die Kinder um mich herumlaufen. Um zu schreiben, brauche ich Ruhe und ein gewisses Maß an Einsamkeit. Ich muss manchmal einfach zehn Minuten in die Luft starren können, bevor ich dann zwei Stunden durchschreibe und nicht einmal auf Toilette gehe, wenn ich muss. 

Okay, aber ich verstehe, dass diese Corona-Krise eine Ausnahmesituation ist, bei der wir jetzt alle in den sauren Apfel beißen müssen. Immerhin habe ich das große Glück nicht in einer Branche zu arbeiten (Stichwort Tourismus), in der gerade alles weg bricht und Massenentlassungen ganze Existenzen zerstören. Und immerhin hatte ich bis gestern das Glück, dass mein Mann im Home Office war. Heute hat ihm seine Firma, ein staatliches Unternehmen absurderweise, mitgeteilt, dass alle wieder in die Büros müssen. Corona geht weiter um, die Kinder haben bis nach Ostern (was bei uns Pessach ist) keine Kita, aber die Leute sollen wieder in die Büros? Wie soll das denn bitte gehen?



Allein im Home Office mit zwei Kleinkindern

Bis gestern (Mann noch im Home Office) hatten wir einen elaborierten Plan. Ein Vormittag arbeite ich und er macht die „Zuhause-Kita“, wie wir es genannt haben, einen Vormittag er. Nachmittage wechseln wir ebenfalls ab. So kann jeder von uns immer einen halben Tag arbeiten und die Kinder sind trotzdem gut versorgt. Wir haben einen Stundenplan gebaut, ein Mittagsmenü, Themen zusammengestellt, die wir in der täglichen „Lernstunde“ mit den Kindern besprechen wollen. Wir haben uns kleine „Kurse“ überlegt, Yoga, Fußball, Backen und Städte der Welt und sogar einige Aktivitäten außerhalb des Hauses gefunden, die wir selbst in Corona-Zeiten machen können (Park, Strand, Fahrradfahren). Unsere Kinder dürfen in normalen Zeiten nur einmal pro Woche Fernsehen gucken, ein Ipad bekommen sie nur, wenn wir im Flieger sitzen (was wir bis vor kurzem alle paar Monate taten, denn wir leben ja quasi zwischen zwei Ländern) – und bis gestern hatten wir die Ambition, in etwa bei dieser Frequenz zu bleiben.



Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen

Jetzt soll mein Mann wieder zur Arbeit. Ich bin selbstständig und wenn ich nicht schreibe, verdiene ich schlichtweg kein Geld. Die Großeltern können nicht helfen, da sie in die Corona-Risikogruppen fallen und ich nicht möchte, dass sie das Haus verlassen. Einen Babysitter zusätzlich zu den Kita-Kosten zu bezahlen (die wir trotzdem haben, auch wenn die Kita nun geschlossen ist – immerhin knapp 1200 Euro pro Monat – welcome to Israel), ist eigentlich nicht denkbar. Ich bin sehr ambitioniert und wahrscheinlich werde ich unseren „Zuhause-Kita-Stundenplan“ noch ein paar Tage sehr akribisch einhalten. Ich werde kochen und die Wohnung putzen (vor allem erstes hasse ich, für zweites habe ich eigentlich eine Putzfrau, die ich weiter bezahle, aber auch nicht mehr aus dem Haus zwingen möchte). In spätestens einer Woche aber werde ich eine Stunde Fernsehen am Tag hinzufügen müssen, um überhaupt noch irgendwie arbeiten zu können. In zwei Wochen werden es dann zwei sein. Zum Kochen werde ich nicht mehr kommen. Mein Mann wird derweil mit seiner Firma um das Home Office streiten, aber natürlich nur so sehr, wie er streiten kann – ohne seinen Job zu verlieren, von dem wir in diesen Zeiten froh sind, dass er ihn hat (ein Corona-resistenter Job nämlich). Die Kinder werden Fertigessen futtern, Fernsehen gucken und wenig lernen. Wir werden uns aufs Überleben konzentrieren und darauf, nicht wahnsinnig zu werden. Aber in all dem werden wir uns sehr sehr nah sein, irgendwie das Gegenteil von „social distancing“ eben.



Bilder privat

Autor*in

Katharina Höftmann Ciobotaru - AUTORIN

Tel Aviv

Katharina Höftmann (geb. 1984 in Rostock) ist Journalistin und Buchautorin. Sie hat acht Romane und Sachbücher veröffentlicht, daneben schreibt sie u.a. Texte für DIE WELT, Jüdische Allgemeine, Myself und Merian. Höftmann hat Psychologie und Deutsch-Jüdische Geschichte in Berlin studiert und mit dem Diplom abgeschlossen. Danach war sie zunächst als Beraterin bei der Agentur Scholz&Friends tätig und ging schließlich im März 2010 als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Programm für Auslandsjournalismus nach Israel. Seitdem lebt sie überwiegend in Tel Aviv. Bildcredit: Kat Kaufmann

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